Ich habe beim Bäcker gewartet. Vor mir war ein Mann, ungefähr in meinem Alter. Vielleicht ein bisschen älter.
Er hat bezahlt, seine Tüte genommen und ist zur Tür gegangen. Kurz bevor er draußen war, hat er mich angesehen.
Ich habe zurückgeschaut. Einen Moment länger, als ich es sonst bei einem Fremden machen würde.
Dann war er weg. Als ich dran war, musste ich kurz überlegen, was ich eigentlich bestellen wollte.
So fangen meine Fantasien über andere Männer manchmal an. Mit einem Blick, an den ich später noch denke. Und mit der Frage, ob ich ihm gefallen habe.
Auf dem Heimweg habe ich jedenfalls ziemlich zufrieden vor mich hingegrinst.
Ich wollte doch gar nichts von ihm
Das habe ich zumindest zuerst gedacht.
Ich wollte keine Telefonnummer austauschen. Ich hatte nicht vor, jemandem hinterherzugehen. Ich war zum Bäcker gegangen, nicht auf die Suche nach einem anderen Mann.
Aber als ich den Laden verlassen habe, habe ich trotzdem kurz nachgesehen, ob er noch irgendwo stand.
Er war nicht mehr da.
Ich bin nach Hause gegangen und habe mir gesagt, dass es einfach ein netter Moment gewesen war.
Das stimmte auch. Nur habe ich mich später gefragt, warum ich dann überhaupt nach ihm Ausschau gehalten hatte.
Vielleicht wollte ich wissen, ob er mich noch einmal ansehen würde. Ob ich mir sein Interesse nur eingebildet hatte.
Mir hat die Vorstellung gefallen, dass ich ihm aufgefallen bin.
Was er tatsächlich gedacht hat, weiß ich nicht.
Ich liebe meinen Mann. Aber mir fehlt etwas.
Ich liebe meinen Mann. Wenn mir etwas passiert, möchte ich es ihm erzählen. Wir können zusammen lachen, auch über Dinge, die wahrscheinlich niemand sonst lustig finden würde.
Ich möchte ihn nicht aus meinem Leben haben.
Aber wenn ich sage, dass mir bei uns nichts fehlt, lasse ich einen ziemlich wichtigen Teil weg.
Unsere Abende kenne ich meistens schon, bevor ich nach Hause komme. Wir essen, erzählen uns etwas vom Tag und schauen eine Serie. Irgendwann fragt einer, ob wir ins Bett gehen.
Oft mag ich das. Ich muss nicht ständig irgendwohin oder etwas Besonderes erleben.
Aber manchmal sitzt er neben mir, die Fernbedienung in der Hand, und ich denke: Bitte frag mich jetzt nicht, ob wir noch eine Folge schauen.
Küss mich doch mal wieder länger als zur Begrüßung.
Ich sage es nicht. Stattdessen sage ich: „Ja, eine geht noch.“
Dann schauen wir weiter.
Auch wenn wir miteinander schlafen, weiß ich meistens, was als Nächstes kommt. Es ist nicht schlecht. Aber manchmal bin ich schon vorher nicht besonders neugierig.
Ich langweile mich mit ihm. Nicht immer. Aber öfter, als ich ihm gegenüber zugeben würde.
Den Satz würde ich am liebsten gleich wieder abschwächen. Er klingt hart. Trotzdem habe ich ihn nicht ohne Grund geschrieben.
Schaut er noch einmal?
Bei einem fremden Mann weiß ich erst einmal gar nichts. Nicht, ob er mich wirklich interessant findet. Nicht, ob er mich ansprechen wird. Nicht einmal, ob mir gefallen würde, was er sagt.
Und offenbar gefällt mir schon diese Unsicherheit.
Manchmal schaue ich ein zweites Mal hin, wenn ich glaube, dass mich jemand angesehen hat. Möglichst beiläufig natürlich. Als würde ich mich gerade für etwas interessieren, das zufällig hinter ihm steht.
In Wirklichkeit will ich wissen:
Schaut er noch einmal?
Wenn unsere Blicke sich dann treffen, werde ich kurz verlegen. Obwohl ich genau darauf gewartet habe.
Beim Bäcker ist es bei diesem einen Blick geblieben. Aber er hat gereicht, um mich auf dem Heimweg zu beschäftigen.
Vielleicht war das Bestätigung. Ich würde gern ein weniger bedürftig klingendes Wort dafür finden. Nur wollte ich nun mal, dass er mich attraktiv findet.
Ich wollte nichts von ihm. Ich wollte nur, dass er etwas von mir wollte.
So habe ich es mir zuerst erklärt. Das klang schön eindeutig.
Später war ich mir da nicht mehr ganz so sicher.

Fantasien über andere Männer – obwohl ich meinen Mann liebe
Ich habe mir vorgestellt, dass er doch noch vor dem Laden wartet. Dass er mich ansieht und fragt, ob ich Zeit für einen Kaffee habe.
Kein besonderer Satz. Nicht einmal besonders einfallsreich.
In meinem Kopf habe ich trotzdem gelächelt.
Ich habe nicht sofort gesagt, dass ich verheiratet bin. Ich habe gefragt, wo er denn einen trinken möchte.
Schon bei diesem ausgedachten Gespräch habe ich gemerkt, wie neugierig ich war. Auf seine Stimme. Darauf, wie er mich ansieht, wenn wir uns gegenübersitzen. Ob ich irgendwann auf seinen Mund schauen würde und hoffen, dass er es bemerkt.
Später habe ich mir auch vorgestellt, ihn zu küssen.
Da konnte ich mir schlecht noch erzählen, dass ich mich nur über ein kleines Kompliment gefreut hatte. Er hatte mir ja nicht einmal eins gemacht.
Ich kannte diesen Mann überhaupt nicht. Vielleicht hätten wir uns nach fünf Minuten nichts mehr zu sagen gehabt. Vielleicht hätte mich schon seine erste Bemerkung genervt.
In meiner Vorstellung natürlich nicht. Da habe ich ihm offenbar nur die Eigenschaften gegeben, die mir gerade gefallen haben.
Das hat die Sache nicht weniger aufregend gemacht.
Ob ich wirklich mit ihm einen Kaffee trinken gegangen wäre? Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich gelacht, mich bedankt und wäre nach Hause gegangen.
Aber in meiner Vorstellung hatte ich es nicht eilig.
Ich hätte diesen Blick gern wieder von meinem Mann
Das ist der Teil, den ich nicht gleich beim ersten Gedanken an den Fremden zugeben wollte.
Ich möchte auch meinem Mann noch auffallen.
Nicht nur hören, dass mir etwas steht, nachdem ich ihn ausdrücklich gefragt habe. Ich möchte merken, dass er von selbst hinschaut. Dass er mich zu sich zieht, weil er mich gerade bei sich haben will.
Früher habe ich manchmal an seinem Gesicht gesehen, dass er mir gerade gar nicht richtig zuhört. Weil er mich küssen wollte.
Darüber habe ich mich damals gelegentlich beschwert.
Jetzt würde ich unser Gespräch über den nächsten Einkauf ziemlich gern dafür unterbrechen.
Wenn ich an meine Fantasien über andere Männer denke, fällt mir auf, wie oft darin jemand genau hinschaut. Mich etwas fragt und meine Antwort hören will. Oder selbst kurz den Faden verliert, weil ich ihm näher komme.
Ich möchte wieder merken, dass ich etwas bei einem Mann auslöse.
Und ja, am liebsten würde ich das auch zu Hause merken.
Ich weiß allerdings, was ich selbst mache. Ich sitze neben meinem Mann und schaue auf mein Handy. Ich warte darauf, dass er etwas anders macht, und sage nichts darüber, was mir fehlt.
Die Frage „Findest Du mich eigentlich noch attraktiv?“ habe ich schon im Kopf gehabt.
Aber ich kann mir seine Antwort vorstellen: „Natürlich. Wie kommst Du denn darauf?“
Und dann müsste ich erklären, dass ich ihm das sogar glaube. Dass ich es nur gern wieder deutlicher merken würde.
Das Gespräch habe ich bisher nicht angefangen.
Es war nur ein Blick. Ganz egal war er mir nicht.
Mit dem Mann vom Bäcker ist nichts passiert. Wir haben nicht miteinander gesprochen. Ich habe keine Nummer und nicht einmal einen Namen.
Für mich war dieser Blick keine Untreue. Aber ich will ihn auch nicht so lange kleinreden, bis meine Reaktion darauf angeblich gar nichts mehr bedeutet.
Ich habe mich darüber gefreut, dass ein anderer mich vielleicht wollte. Ich habe nach ihm geschaut. Und später habe ich mir mehr vorgestellt.
Ich liebe meinen Mann immer noch.
Nur beantwortet dieser Satz nicht die Frage, warum ich abends neben ihm sitze und mich nach etwas sehne, das ich ihm nicht sage.
Ich weiß nicht, ob ich den Fremden wiedersehen werde.
Aber ich weiß, dass ich hinschauen würde.
Und diesmal könnte ich mir nicht erzählen, dass es nur Zufall war.
— Clara