Ich war allein zu Hause. Es war schon dunkel, und ich stand im Schlafzimmer vor dem Kleiderschrank. Ich hatte noch meine Sachen vom Tag an und wollte mich eigentlich nur schnell umziehen.
Dann habe ich zum Fenster geschaut. Die Vorhänge waren noch offen.
Beim Umziehen beobachtet werden wollte ich nicht. Trotzdem habe ich sie nicht sofort zugezogen.
Genau darüber habe ich später nachgedacht.
Was, wenn da gerade jemand hinsieht?
Gegenüber sind ein paar Wohnungen, ein gutes Stück entfernt. In zwei Fenstern brannte Licht.
Ich habe kurz nach draußen geschaut. Niemand war zu erkennen. Ich wusste nicht einmal, ob von dort überhaupt jemand in mein Schlafzimmer sehen konnte.
Aber der Gedanke war plötzlich da:
Was, wenn da gerade jemand hinsieht?
Ich stand noch in meiner Bluse vor dem offenen Kleiderschrank. Einen Moment vorher hatte ich nur überlegt, welchen Pullover ich nehme. Jetzt habe ich mich gefragt, was jemand von gegenüber wohl erkennen könnte.
Dann habe ich die Vorhänge zugemacht und mich umgezogen.
Eigentlich eine ziemlich unspektakuläre Sache. Nur hat mich mein eigener Gedanke danach nicht in Ruhe gelassen.
Beobachtet werden möchte ich eigentlich nicht
Wenn ich tatsächlich jemanden entdeckt hätte, der mich heimlich beobachtet, wäre ich wahrscheinlich ziemlich sauer gewesen. Ich möchte mich in meinem Schlafzimmer umziehen können, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen.
Nur war mein erster Gedanke an diesem Abend nicht gewesen: Wie unangenehm.
Für einen kurzen Moment war ich neugierig gewesen.
Vielleicht hatte überhaupt niemand in meine Richtung geschaut. Wahrscheinlich war in den Wohnungen gegenüber gerade etwas ganz anderes interessant.
Ich hatte mir jedenfalls innerhalb weniger Sekunden einen möglichen Zuschauer ausgedacht.
Und bevor ich die Vorhänge zugemacht habe, hatte ich kurz gewartet.
Ich hätte gern gesagt, dass ich einfach überrascht gewesen war. Das stimmte. Nur war das nicht alles.
Der Gedanke hatte mich auch angemacht.
Das zuzugeben war mir sogar allein ein bisschen peinlich. Niemand hatte mich gefragt. Trotzdem habe ich nach einer Erklärung gesucht, die weniger eindeutig klingt.
Mir ist keine eingefallen.
Die Vorhänge waren zu. Der Gedanke war noch da.
Ich hatte inzwischen meinen Pullover an. Von draußen konnte jedenfalls niemand mehr durch das offene Fenster schauen.
Trotzdem habe ich noch an den Moment vor dem Kleiderschrank gedacht. Ich hatte nichts zu Ende machen müssen. Nichts hatte mich daran gehindert, gleich zum Fenster zu gehen.
Ich habe die Vorhänge geschlossen. Aber ich wollte noch wissen, warum ich damit kurz gewartet hatte.
Ich habe mir zuerst gesagt, dass ich mich ja gar nicht zeigen möchte. Schließlich hatte ich die Vorhänge zugemacht.
Warum mich ausgerechnet der Moment davor noch beschäftigt hat, konnte ich damit allerdings nicht erklären.
Später habe ich mir die Situation noch einmal vorgestellt. Dieselbe offene Schranktür, dieselbe Bluse, dieselben beleuchteten Fenster gegenüber.
Nur habe ich mir diesmal einen Mann hinter einem dieser Fenster vorgestellt. Keinen, den ich kenne. Ich hatte nicht einmal ein bestimmtes Gesicht im Kopf.
Ich habe mich gefragt, ob ich zu ihm hinsehen würde, wenn ich wüsste, dass er da ist.
Oder ob ich gerade dann so tun würde, als hätte ich nichts bemerkt.
Das war alles noch dieselbe ausgedachte Situation. Ich stand längst nicht mehr vor dem offenen Fenster. Aber offenbar war ich mit diesem kurzen Moment noch nicht fertig.
Vielleicht wollte ich es gar nicht genau wissen
Das fand ich fast noch merkwürdiger: In meinem Kopf wollte ich wissen, ob jemand schaut. Eine eindeutige Antwort wollte ich aber offenbar auch nicht unbedingt.
Solange ich mir nur vorgestellt habe, dass da jemand sein könnte, musste ich auf nichts reagieren.
Ich musste nicht lächeln. Nichts Schlagfertiges sagen. Nicht überlegen, ob ich diesen Mann überhaupt interessant finde.
Ich kannte ihn ja nicht. Ich hatte ihn mir ausgedacht.
Und trotzdem habe ich überlegt, ob ich mich anders bewegen würde, wenn ich mich gesehen fühle. Ob ich noch einmal zum Fenster schauen würde. Ob ich mir anmerken lassen würde, dass ich daran denke.
Dieses Vielleicht hat mich länger beschäftigt als irgendein bestimmter Mann.
Ich könnte jetzt sagen, dass ich mich einfach begehrt fühlen wollte. Das gehört wahrscheinlich dazu. Aber es erklärt mir noch nicht, warum mich gerade dieses Nichtwissen beschäftigt hat.
Eine fertige Antwort habe ich darauf nicht.
An diesem Abend habe ich jedenfalls nicht noch einmal die Vorhänge geöffnet.
Manchmal denke ich wieder daran
Nicht jeden Abend. Aber manchmal stehe ich vor dem Kleiderschrank, schaue zu den beleuchteten Wohnungen gegenüber und erinnere mich an diesen kurzen Moment.
Dann ziehe ich die Vorhänge zu.
Manchmal muss ich dabei grinsen. Von draußen sieht das vermutlich vollkommen unspektakulär aus. Eine Frau zieht abends ihre Vorhänge zu.
Dass ich danach noch über meinen eigenen Gedanken nachdenke, kann niemand sehen.
Ich weiß immer noch nicht genau, warum ich damals kurz gewartet habe. Nur dass ich mich daran erinnere.
Im echten Leben schließe ich den Vorhang.
In meinem Kopf lasse ich ihn offen.
— Clara
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