Warum macht mich seine Stimme so an?
Clara gibt es nicht nur einmal. Der Name ist fiktiv und steht in unseren Geschichten für unterschiedliche Frauen, die anonym mit uns teilen, was sie denken, fühlen, fantasieren und erleben. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden persönliche Details verändert.
Ich weiß noch genau, wann mir das zum ersten Mal aufgefallen ist.
Ich saß morgens im Auto und war eigentlich viel zu spät dran.
Dann kam diese Stimme im Radio.
Tief. Ruhig. Nicht besonders auffällig.
Ich weiß bis heute nicht einmal mehr, worüber der Mann gesprochen hat.
Aber ich habe das Radio lauter gemacht.
Einfach so.
Ich habe sogar kurz auf die Uhr geschaut, weil ich wirklich losmusste.
Dann dachte ich: Noch eine Minute.
Nur noch diese eine Minute.
Und irgendwann habe ich mich dabei erwischt, wie ich gar nicht mehr auf das Thema gehört habe.
Ich habe einfach seiner Stimme zugehört.
Was ist eigentlich los mit mir?
Ich musste über mich selbst lachen.
Der Mann im Radio wusste nicht einmal, dass ich existiere.
Und trotzdem saß ich da und dachte: Diese Stimme.
Ich fand sie sexy.
Das Wort kam mir tatsächlich in den Kopf.
Sexy.
Nicht sympathisch. Nicht angenehm. Nicht interessant.
Sexy.
Ich habe das Radio wieder leiser gemacht und bin losgefahren.
Damit war die Sache für mich eigentlich erledigt.
Dachte ich jedenfalls.
Ein paar Tage später bekam ich eine Sprachnachricht.
Von einem Mann, den ich kannte.
Nichts Besonderes. Er wollte etwas wegen eines Termins wissen.
Ich hörte die Nachricht einmal.
Dann noch einmal.
Beim dritten Mal musste ich lachen.
Denn da war es wieder.
Diese Stimme.

Ich hatte überhaupt keinen Grund, die Nachricht noch einmal anzuhören.
Ich wusste längst, was er gesagt hatte.
Aber ich wollte ihn noch einmal hören.
Und plötzlich wurde mir ein bisschen warm.
Nicht im Gesicht.
Eher so irgendwo zwischen Bauch und Brust.
Ich legte das Handy auf den Tisch und dachte:
Okay.
Das ist jetzt interessant.
Ich hatte immer gedacht, dass mich Männer zuerst über ihr Aussehen anziehen.
Ein bestimmter Blick.
Ein gutes Lächeln.
Schöne Hände.
Wie jemand sich bewegt.
Solche Dinge.
Aber eine Stimme?
Damit hatte ich mich noch nie beschäftigt.
Danach habe ich angefangen, Stimmen anders wahrzunehmen.
Beim Einkaufen.
Im Büro.
Im Fernsehen.
Im Auto.
Manchmal sprach ein Mann nur zwei Sätze und ich merkte, dass ich genauer hinhörte.
Nicht jeder.
Ganz und gar nicht.
Aber manche.
Es war auch gar nicht unbedingt die tiefe Stimme.
Das hatte ich zuerst gedacht.
Es war eher die Art, wie jemand sprach.
Ruhig.
Ohne sich anzustrengen.
Mit kleinen Pausen.
Manchmal dieses kurze Lachen zwischen zwei Sätzen.
Und plötzlich war da etwas.
Ich habe mich gefragt, warum das so viel mit mir macht.
Vielleicht, weil eine Stimme nicht alles zeigt.
Wenn ich einen Mann sehe, sehe ich ihn.
Ich sehe sein Gesicht.
Seinen Körper.
Seine Kleidung.
Ich sehe, wie er sich bewegt.
Mein Kopf bekommt ziemlich viele Informationen geliefert.
Bei einer Stimme ist das anders.
Da bleibt etwas offen.
Und genau da fängt meine Fantasie an.
Das habe ich erst später verstanden.
Ein paar Wochen danach lag ich abends im Bett.
Mein Mann schlief schon.
Ich war noch wach und scrollte auf meinem Handy.
Dann tauchte wieder eine Sprachnachricht auf.
Von demselben Mann.
Ich habe sie geöffnet.
Und bevor ich auf Play gedrückt habe, musste ich schon grinsen.
Ich wusste genau, was passieren würde.
Ich hörte seine Stimme.
Ganz nah über die Kopfhörer.
Und plötzlich war mein Schlafzimmer nicht mehr nur mein Schlafzimmer.
Ich stellte mir vor, wie er mir etwas direkt ins Ohr sagt.
Nicht einmal etwas besonders Sexuelles.
Das war ja das Verrückte.
Es war nur seine Stimme.
Ein Satz.
Eine Pause.
Dieses ruhige Sprechen.
Und mein Kopf machte daraus den Rest.
Ich nahm einen Kopfhörer heraus.
Schaute meinen schlafenden Mann an.
Und musste wieder lachen.
Was mache ich hier eigentlich?
Ich habe die Nachricht noch einmal angehört.
Danach habe ich das Handy weggelegt.
Aber die Stimme war noch da.
In meinem Kopf.
Und ich glaube, genau das hat mich daran so fasziniert.
Ich konnte sie nicht einfach anschauen und damit war es vorbei.
Ich musste selbst etwas daraus machen.
Ein paar Tage später habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen.
Nicht sofort.
Erst haben wir über alles Mögliche geredet.
Dann sagte ich irgendwann:
„Sag mal, findest du bestimmte Männerstimmen auch so anziehend?“
Sie sah mich an.
„Wie meinst du das?“
„Na ja. Stimmen.“
Sie lachte.
„Du meinst, ob ich auf Stimmen stehe?“
„Ja.“
„Auf jeden Fall.“
Das war’s.
Mehr brauchte es gar nicht.
Ich war fast erleichtert.
Denn bis dahin hatte ich gedacht, ich wäre damit irgendwie komisch.
Dabei ist es wahrscheinlich gar nicht so ungewöhnlich.
Wir sprechen ständig darüber, ob jemand gut aussieht.
Ob jemand schöne Augen hat.
Ob jemand einen tollen Körper hat.
Aber über eine Stimme?
Viel seltener.
Dabei kann eine Stimme unglaublich nah wirken.
Vor allem, wenn man sie über Kopfhörer hört.
Da ist kein Abstand.
Kein Raum dazwischen.
Nur diese Person, die spricht.
Und Du hörst zu.
Ich glaube, genau das hat mich irgendwann neugierig auf Audioporn gemacht.
Nicht das Wort.
Das fand ich am Anfang sogar ziemlich abschreckend.
Audioporn.
Ich dachte: Das ist doch irgendwie unanständig.
Und dann habe ich gemerkt, dass mich gar nicht das Wort interessiert.
Mich interessierte die Stimme.
Das Gefühl, dass jemand spricht und mein Kopf den Rest übernimmt.
Ich muss nichts sehen.
Ich muss nichts erklären.
Ich kann einfach zuhören.
Und plötzlich entsteht in meinem Kopf eine Situation, die genau mir gehört.
Das ist etwas anderes als ein Bild.
Bei einem Bild bekomme ich gezeigt, was jemand anderes sich vorgestellt hat.
Bei einer Stimme passiert etwas anderes.
Ich stelle es mir selbst vor.
Sie lässt mir Platz.
Platz für meine eigene Fantasie.
Und die kann manchmal viel stärker sein als alles, was ich sehen könnte.
Heute achte ich tatsächlich auf Stimmen.
Nicht ständig.
Und ich mache auch nicht aus jeder angenehmen Stimme gleich eine Fantasie.
Aber wenn mich eine Stimme erwischt, merke ich es.
Ich höre ein bisschen länger hin.
Und manchmal denke ich:
Verdammt.
Diese Stimme.
Ich glaube, ich habe lange unterschätzt, wie viel Lust eigentlich im Hören steckt.
Nicht im Sehen.
Nicht im Anfassen.
Einfach nur im Hören.
Und genau das ist der Grund, warum mich seine Stimme so anmacht.
Weil sie mir nicht alles gibt.
Sie lässt etwas offen.
Und dieses Etwas füllt mein Kopf.
Clara, 40.
Eine anonym erzählte Geschichte aus dem Sir-Stephen-Universum.
Du hörst keine Fantasie.
Du erlebst sie