Ich hatte diesen Satz schon ein paar Mal gehört.
„Dafür bist Du doch nicht zu alt.“
Meistens, wenn es um Kleidung ging.
Oder um Männer.
Oder darum, ob man mit 47 noch einfach etwas machen kann, nur weil man Lust darauf hat.
Ich habe dann meistens gelacht.
Und weitergemacht wie bisher.
Arbeit.
Einkaufen.
Familie.
Montag bis Freitag.
Am Wochenende meistens dasselbe.
Mein Leben war nicht schlecht.
Im Gegenteil.
Ich hatte vieles, worüber ich mich nicht beschweren konnte.
Aber irgendwann merkte ich, dass ich mich selbst dabei immer weniger vorkam.
Der Blick in den Spiegel
An einem Samstag stand ich vor meinem Kleiderschrank.
Ich hatte eigentlich nichts Besonderes vor.
Nur einen Abend mit Freundinnen geplant.
Ich hab ein Kleid aus dem Kleiderschrank gezogen.
Hab es anprobiert
Und in den Spiegel geschaut
Und wieder ausgezogen.
Zu kurz.
Zu eng.
Zu auffällig.
Nicht mehr mit 47.
Ich hab mich wieder vor den Schrank gestellt.
Dann das Kleid noch einmal in die Hand genommen.
Nächster Versuche.
Hab es wieder angezogen.
Mich angeschaut.
Und dachte: Scheiß drauf.
Ich ging so aus dem Haus.
Zum ersten Mal seit langer Zeit, ohne vorher darüber nachzudenken, ob ich damit jemandem gefallen würde.
Ein ganz normaler Abend
Im Restaurant bestellte ich ein Glas Wein.
Wir redeten.
Lachten.
Eine meiner Freundinnen sah mich irgendwann an.
„Du siehst gut aus.“
„Danke.“
„Nein. Ich meine das ernst.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Also nahm ich einen Schluck Wein.
Später stand ich draußen vor dem Restaurant.
Allein.
Es war kühl.
Ich zog meine Jacke enger um mich.
Und da war dieses Gefühl wieder.
Nicht jung.
Nicht jünger.
Einfach lebendig.

Ich ging noch nicht nach Hause
Auf dem Heimweg machte ich etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte.
Ich ging nicht direkt nach Hause.
Ich setzte mich allein an eine Bar.
Bestellte noch einen Drink.
Und blieb.
Niemand wartete auf mich.
Niemand brauchte etwas.
Ich musste niemandem erklären, wo ich war.
Ich saß einfach da.
Und irgendwann dachte ich:
Warum habe ich damit eigentlich so lange aufgehört?
Was in dieser Nacht noch passiert ist, würde ich gar nicht groß machen.
Es muss kein spektakuläres Erlebnis sein.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Sandra könnte am Ende sagen:
„Ich dachte immer, mit 47 müsste ich mich langsam zurücknehmen.“
„Dabei hatte ich einfach nur vergessen, dass ich noch immer Lust auf mein eigenes Leben habe.“
Vielleicht geht es gar nicht darum, wieder jung zu sein.
Vielleicht geht es darum, endlich wieder Dinge zu tun, auf die man selbst Lust hat.
Manche Wünsche verschwinden nicht, nur weil wir älter werden.
Wir werden nur besser darin, sie nicht mehr auszusprechen.
Du hörst keine Fantasie.
Du erlebst sie.