Ich habe mir vorgestellt, mein Mann wäre jemand anderes
Ich würde ihm das niemals erzählen.
Wirklich nicht.
Und während ich das hier schreibe, frage ich mich schon wieder, ob ich es überhaupt erzählen sollte.
Dabei ist eigentlich gar nichts passiert.
Ich bin nicht fremdgegangen.
Ich schreibe nicht heimlich mit irgendeinem Mann.
Es gibt auch keinen Kollegen, in den ich mich verliebt habe.
Es war einfach nur ein Gedanke.
Aber einer, der mich seitdem nicht mehr ganz in Ruhe lässt.
Mein Mann und ich sind seit 21 Jahren zusammen.
Wir haben zwei Kinder großgezogen, drei Wohnungen renoviert, zwei Hunde gehabt und inzwischen Diskussionen über Dinge geführt, von denen ich mit 30 nicht einmal wusste, dass Menschen darüber diskutieren können.
Welche Matratze wir kaufen.
Ob der neue Staubsauger wirklich 600 Euro kosten muss.
Wer den Termin beim Zahnarzt macht.
So sieht das eben irgendwann aus.
Und ich meine das gar nicht böse.
Ich liebe meinen Mann.
Sehr sogar.
Aber natürlich kenne ich ihn.
Ich kenne die Art, wie er morgens hustet.
Ich weiß, dass er behauptet, beim Fernsehen nicht eingeschlafen zu sein, obwohl er seit zehn Minuten schnarcht.
Und ich kenne auch seine Hände.
Seine Küsse.
Seine Berührungen.
Alles.
Vielleicht war es genau das.
Es war ein Dienstagabend.
Nichts Besonderes.
Wir waren schon im Bett.
Er lag hinter mir.
Seine Hand lag auf meiner Hüfte.
Dann hat er mich geküsst.

Und irgendwann habe ich die Augen zugemacht.
Ich weiß nicht einmal, woher der Gedanke kam.
Plötzlich habe ich mir vorgestellt, dass es nicht mein Mann ist.
Nicht einmal jemand Bestimmtes.
Das ist ja das Verrückte.
Ich hätte Dir hinterher nicht sagen können, wie dieser andere Mann aussieht.
Ich wusste nur:
Er kennt mich nicht.
Er weiß nicht, wie ich morgens aussehe.
Er weiß nicht, dass ich beim Autofahren fluche.
Er kennt meine schlechten Angewohnheiten nicht.
Er weiß nichts von den Kindern, der Steuererklärung oder davon, dass ich seit drei Wochen den Keller aufräumen will.
Für ihn wäre ich einfach nur eine Frau.
Und dieser Gedanke hat etwas mit mir gemacht.
Mein Mann hat mich wieder geküsst.
Und in meinem Kopf war da dieser andere Mann.
Eine andere Stimme.
Ein anderer Geruch.
Andere Hände.
Und plötzlich war diese Vertrautheit weg.
Da war wieder dieses leichte Kribbeln.
Dieses:
Ich weiß nicht, was als Nächstes passiert.
Und genau das hat mich angemacht.
Mehr, als ich zugeben möchte.
Danach lag ich neben meinem Mann und hatte sofort ein schlechtes Gewissen.
Er war völlig entspannt.
Hat mir einen Kuss gegeben.
Sich umgedreht.
Und fünf Minuten später geschlafen.
Ich lag noch wach.
Und dachte:
Was war das denn gerade?
Ich liebe diesen Mann.
Warum stelle ich mir dann einen anderen vor?
Und noch schlimmer:
Warum hat es sich so gut angefühlt?
Ich habe versucht, mir einzureden, dass es einfach irgendein blöder Gedanke war.
Passiert halt.
Am nächsten Morgen war sowieso wieder alles normal.
Kaffee.
Duschen.
„Hast Du meinen Schlüssel gesehen?“
„Was machen wir heute Abend?“
Das Leben eben.
Aber der Gedanke war nicht ganz weg.
Nicht der andere Mann.
Der interessiert mich eigentlich überhaupt nicht.
Es war etwas anderes.
Dieses Gefühl, das ich in diesem Moment hatte.
Dass jemand mich noch nicht kennt.
Dass ich für jemanden noch nicht die Frau bin, die immer dieselbe Seite im Bett hat.
Nicht Mama.
Nicht diejenige, die weiß, wann die Versicherung abgebucht wird.
Nicht die Frau, mit der man seit 21 Jahren zusammen ist.
Einfach eine Frau.
Eine, bei der ein Mann noch nicht weiß, wie sie reagiert, wenn er ihr näher kommt.
Und vielleicht war genau das meine Fantasie.
Nicht ein anderer Mann.
Sondern für einen Moment wieder dieses Gefühl:
Du kennst mich noch nicht.
Ich weiß nicht, ob andere Frauen so etwas auch haben.
Vielleicht ja.
Vielleicht denkt nur niemand, dass man darüber reden darf.
Weil sofort diese Frage kommt:
„Stimmt dann etwas mit Deiner Beziehung nicht?“
Ich weiß es nicht.
Mit meiner Beziehung stimmt ziemlich viel.
Vielleicht hat meine Fantasie auch überhaupt keine Lust, meine Ehe zu analysieren.
Vielleicht will sie einfach nur spielen.
Und ganz ehrlich?
Seit diesem Dienstag mache ich mir weniger Gedanken darüber.
Der Mann in meinem Kopf darf da sein.
Er muss keinen Namen haben.
Ich muss ihn nicht suchen.
Ich muss ihn nicht treffen.
Mein Mann muss auch nichts von ihm wissen.
Aber manchmal, wenn ich die Augen schließe …
darf er wiederkommen.
Clara gibt es nicht nur einmal. Der Name ist fiktiv und steht in unseren Geschichten für unterschiedliche Frauen, die anonym mit uns teilen, was sie denken, fühlen, fantasieren und erleben. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden persönliche Details verändert.