Er hat mich gerade angesehen.
Ich weiß nicht, warum ich plötzlich an ihn denken musste.
Es war wirklich nichts.
Ich saß in der S-Bahn, auf dem Weg nach Hause. Gegenüber von mir saß ein Mann. Vielleicht Anfang 50. Dunkle Jacke, Jeans, nichts Besonderes.
Ich hatte ihn vorher gar nicht richtig wahrgenommen.
Dann hat er mich angesehen.
Nur kurz.
Ich habe seinen Blick bemerkt und sofort aus dem Fenster geschaut.
Und dann war da dieser Gedanke.
Ganz plötzlich.
Was, wenn er mich attraktiv findet?
Ich habe versucht, nicht weiter darüber nachzudenken.
Hat natürlich nicht funktioniert.
Die Bahn fuhr in den nächsten Bahnhof ein. Menschen stiegen aus, andere kamen dazu.
Ich schaute auf mein Handy.
Dann habe ich wieder hochgesehen.
Er sah mich noch einmal an.
Diesmal länger.
Ich lächelte ganz leicht.
Nur so, dass man es auch als Zufall hätte verstehen können.
Er lächelte zurück.
Und plötzlich war meine Fantasie da.
Nicht einmal besonders kompliziert.
Ich stellte mir vor, dass wir beide an der nächsten Station aussteigen.
Dass er neben mir hergeht.
Dass er irgendwann sagt:
„Entschuldigung. Ich weiß, das ist jetzt vielleicht ein bisschen direkt … aber ich würde Sie gern kennenlernen.“
Und ich sage:
„Das ist tatsächlich ziemlich direkt.“
Er grinst.
„Ich weiß.“
Ich stelle mir vor, dass wir in ein Café gehen.
Nur auf einen Kaffee.
Und dass wir beide genau wissen, dass es nicht wirklich um Kaffee geht.
Ich habe gemerkt, wie ich meine Beine etwas enger zusammengezogen habe.
Verdammt.
Ich saß mitten in einer vollen S-Bahn.
Neben mir eine Frau mit Einkaufstaschen.
Zwei junge Männer standen an der Tür und redeten über Fußball.
Jemand telefonierte.
Alles völlig normal.
Und ich saß da und stellte mir vor, wie dieser fremde Mann mich später küsst.
Nicht sofort.
Erst dieses langsame Näherkommen.
Dieser Moment, in dem beide wissen, was gleich passiert.
Und dann dachte ich plötzlich:
Was wäre, wenn er gerade genau dasselbe denkt?
Ich sah wieder zu ihm.
Er sah mich an.
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.
Dann kam die Durchsage für meine nächste Station.
Ich hatte plötzlich überhaupt keine Lust auszusteigen.
Und genau da wurde mir klar, was mich an dieser Fantasie so anmacht.
Nicht einmal der Mann.
Die Möglichkeit.
Dass zwischen zwei völlig fremden Menschen für einen kurzen Moment etwas passieren könnte.
Ohne Planung.
Ohne Dating-App.
Ohne zu wissen, wie der andere heißt.
Nur dieser eine Blick.
Und die Frage:
Was wäre, wenn …?
Ich bin trotzdem ausgestiegen.
Aber den ganzen Weg nach Hause musste ich an diesen Blick denken.
Und ich habe mich dabei ertappt, dass ich gelächelt habe.
Vielleicht kennst Du diesen Moment.
Du sitzt irgendwo.
In der Bahn.
Im Café.
An einer Hotelbar.
Du bist eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Und dann sieht Dich jemand auf diese eine Art an.
Nicht lange.
Nicht offensichtlich.
Aber lang genug.
Und plötzlich entsteht in Deinem Kopf eine komplette Geschichte.
Vielleicht passiert überhaupt nichts.
Vielleicht weißt Du nicht einmal seinen Namen.
Aber Dein Körper hat die Geschichte längst angefangen.
Was wäre, wenn er Dich gerade genauso begehrt, wie Du ihn?
Und was würdest Du tun, wenn er an Deiner nächsten Station tatsächlich aufsteht und mit Dir aussteigt?
Sir Stephen & Me
Manchmal braucht es keine Berührung.
Keinen Kuss.
Nicht einmal ein Wort.
Manchmal reicht ein Blick.
Und plötzlich bist Du nicht mehr nur in der S-Bahn.
Du bist mitten in Deiner eigenen Fantasie.
Du hörst keine Fantasie. Du erlebst sie.