„Du bist Anna, oder?“
Ich wollte gerade Nein sagen. Dann habe ich ihn angesehen.
„Ja.“
Ich heiße nicht Anna. Nicht einmal mit zweitem Namen. Anonym flirten war auch nicht mein Plan gewesen. Eigentlich hatte ich nach dem Essen direkt ins Bett gehen wollen.
Jetzt saß ich einem Mann gegenüber, der mich für Anna hielt. Und ich ließ ihn.
Ich war allein in einer anderen Stadt
Ich war wegen eines Termins dort. Am nächsten Morgen würde ich wieder nach Hause fahren.
Nach dem Essen bin ich noch etwas trinken gegangen. Allein. Das mache ich nicht besonders oft.
Ich saß vielleicht zehn Minuten da, als er mich angesprochen hat. Vorher hatten wir uns schon zweimal angesehen.
Wir haben geredet. Nichts Besonderes. Dann kam diese Frage nach meinem Namen.
Ich weiß nicht, mit wem er mich verwechselt hat. Ich habe nicht nachgefragt. Dazu hätte ich erst erklären müssen, warum ich gerade Ja gesagt hatte.
Am Anfang wäre das noch einfach gewesen. „Nein, Entschuldigung. Ich weiß auch nicht, warum ich das gesagt habe.“ Wir hätten wahrscheinlich gelacht.
Aber ich wollte es nicht richtigstellen.
Das war mir ziemlich schnell klar.
„Heute Abend nichts.“
Irgendwann hat er gefragt, was ich beruflich mache.
Normalerweise hätte ich geantwortet. Danach hätte ich ihn gefragt, was er macht, und irgendwann hätten wir festgestellt, dass wir beide viel zu tun haben.
Diesmal habe ich gesagt:
„Heute Abend nichts.“
Er hat gelacht. Ich auch. Er hat nicht weiter nachgefragt.
Mir hat gefallen, dass ich ihm nichts erklären musste. Nicht, warum ich in der Stadt war. Nicht, was ich am nächsten Tag noch erledigen musste. Nicht, wie mein normaler Dienstag aussieht.
Ich habe mir auch keinen anderen Beruf ausgedacht. Keine Wohnung in einer anderen Stadt, keine aufregende Lebensgeschichte.
Ein falscher Name war offenbar erst einmal genug.

Anonym flirten – und ein Kompliment stehen lassen
Als er mir ein Kompliment gemacht hat, wollte ich sofort etwas Lustiges erwidern. Das mache ich oft. Dann lachen beide, und ich muss nicht mehr überlegen, wohin ich schauen soll.
Diesmal habe ich nur gesagt:
„Danke.“
Und ihn weiter angesehen.
Das war erstaunlich schwer. Mir ist erst dabei aufgefallen, wie schnell ich solche Momente sonst beende.
Er kannte mich nicht. Er wusste nicht, ob ich immer so direkt bin oder normalerweise schon längst etwas anderes gefragt hätte.
Ich hätte ihm viel über mich erzählen können. Stattdessen wollte ich wissen, wie lange ich seinen Blick halten kann, ohne doch noch einen Witz zu machen.
Ich mochte es, dass er nicht wusste, wie ich mich normalerweise verhalte.
Es war nicht so, dass ich plötzlich eine andere Frau war. Ich habe nichts gesagt, was ich sonst niemals sagen würde.
Ich habe nur ein paar Dinge nicht gemacht, die ich sonst fast automatisch mache.
„Und was machst Du morgen?“
Ich habe mein Glas abgestellt.
„Nach Hause fahren.“
„Weit?“
„Weit genug.“
Er hat mich angesehen. Ich hatte den Eindruck, dass er gern mehr gewusst hätte.
Normalerweise hätte ich jetzt erzählt, wo ich wohne. Wann mein Zug fährt. Vielleicht sogar, was ich nach meiner Ankunft noch einkaufen muss.
Diesmal habe ich die Pause gelassen.
Ich mochte ihn. Ich mochte, wie er mich angesehen hat. Trotzdem wollte ich ihm nicht gleich alles geben, wonach er fragte.
Und ja, ich habe mich gefragt, ob ich ihn küssen würde.
Ob ich länger bleiben wollte als geplant. Ob ich mit ihm gehen würde, wenn er mich fragte.
Das waren Gedanken, keine Verabredung. Ich wusste selbst noch nicht, was ich darauf geantwortet hätte.
Aber ich saß auch nicht mehr nur dort, weil ich nach dem Essen noch etwas trinken wollte.
Er kannte meinen Namen nicht. Ich schon.
Zwischendurch kam mir der Gedanke, dass mich hier niemand kennt. Dass ich am nächsten Morgen abreisen würde und dieser Mann wahrscheinlich wieder aus meinem Leben verschwunden wäre.
Das hat den Abend für mich leichter gemacht.
Obwohl ich natürlich wusste, dass ich mich selbst am nächsten Morgen noch daran erinnern würde. Ich konnte mich Anna nennen. Ich würde trotzdem wissen, was ich gesagt und getan hatte.
Ich habe ihn weiterhin nicht korrigiert.
Vielleicht hätte sich der Abend mit meinem richtigen Namen genauso entwickelt. Das kann ich nicht wissen.
Mir hat jedenfalls gefallen, wie wenig ich erzählt habe. Und wie wenig das unserem Gespräch gefehlt hat.
„Gute Nacht, Anna.“
Als ich gegangen bin, hat er meinen Namen gesagt.
Den falschen.
„Gute Nacht, Anna.“
Ich war schon aufgestanden. Für einen Moment wollte ich mich umdrehen und ihm sagen, wie ich wirklich heiße.
Habe ich nicht.
Ich habe nur gelächelt.
„Gute Nacht.“
Am nächsten Morgen bin ich nach Hause gefahren. Mein Handy war wieder voller Nachrichten. Mein richtiger Name stand auf dem Ticket.
Als ich ihn gelesen habe, musste ich noch einmal daran denken, wie selbstverständlich ich am Abend auf Anna gehört hatte.
— Sandra