Dienstag, 21:40.
Ich steh in der Küche und räum die Spülmaschine aus. Halb. Die Teller sind noch warm, die Gläser haben diese Kalkflecken, die ich jedes Mal sehe und jedes Mal ignoriere.
Aus dem Wohnzimmer hör ich den Fernseher. Irgendwas mit Autos. Thomas lacht einmal kurz.
Ich denke: Zahnarzt Lena, Donnerstag 15 Uhr. Muss ich sie früher abholen. Geschenk für seine Mutter, die wird 75. Hab ich noch nicht. Duschgel ist fast leer. Und das Auto muss zum TÜV, der Brief liegt seit drei Wochen auf der Kommode.
Er hat ihn auch gesehen. Er ist jeden Tag daran vorbeigelaufen.
Ich stell die Gläser in den Schrank. Eins klirrt gegen das andere, lauter als nötig.
„Alles okay?“, ruft er.
„Ja.“
Ist es ja auch. Irgendwie.
Meine Freundin Anja hat letzte Woche gefragt, ob wir noch Sex haben. Einfach so, beim zweiten Glas Wein. Ich hab gelacht und gesagt: „Klar.“ Dann hab ich nachgerechnet. Sechs Wochen. Vielleicht sieben.
Ich hab ihr erzählt, dass er nicht mehr zuhört. Dass wir nur noch über Termine reden. Dass die Luft raus ist. Anja hat genickt. Bei ihr ist es genauso, hat sie gesagt.
Und dann saß ich auf dem Heimweg im Auto und dachte: Stimmt das überhaupt? Er hört ja zu. Wenn ich was sage, macht er es. Er ist nicht faul. Er ist nett. Er bringt den Müll raus, wenn ich sage, dass der Müll raus muss.
Wenn ich es sage.
Das Ding ist: Ich weiß alles. Wann die Kinder Elternabend haben. Welche Größe Lena gerade trägt. Dass wir noch Batterien für den Rauchmelder brauchen. Wann wir das letzte Mal essen waren. (März.)
Und wenn ich ihn frage, was er am Wochenende machen will, sagt er: „Mir egal. Was du willst.“
Das sagt er lieb. Er meint das lieb.
Und ich könnte schreien.
Letzten Samstag lagen wir im Bett. Er hat sich zu mir gedreht, seine Hand auf meiner Hüfte. Diese Hand. Früher, in der kleinen Wohnung in der Südstadt, hab ich nachts wachgelegen und gewartet, dass er sich umdreht.
Jetzt lag sie da, und ich hab gedacht: Hab ich abgeschlossen? Schläft Jonas schon, oder hört der uns? Wecker auf sechs? Soll ich jetzt? Will er? Will ich? Wenn ich jetzt anfange, dann …
Ich hab seine Hand gestreichelt. Kurz. Und gesagt: „Ich bin so müde.“
Er hat „okay“ gesagt und sich umgedreht. Nicht böse. Einfach okay.
Ich hab noch eine Stunde an die Decke gestarrt.
Ich bin nicht müde von ihm. Das ist mir gestern im Supermarkt klar geworden. Vor dem Joghurtregal.
Ich stand da und konnte mich nicht entscheiden. Erdbeere oder Natur. Zwei Minuten. Wegen eines Joghurts.
Und ich dachte: Ich will das nicht mehr entscheiden. Nicht den Joghurt. Nicht das Wochenende. Nicht, ob wir heute miteinander schlafen.
Ich will, dass einmal jemand anders weiß, was zu tun ist. Dass jemand sagt: „Setz dich.“ Und ich setz mich. Und mehr muss ich nicht tun.
Ist das komisch? Ich bin 48. Ich leite ein Team von zwölf Leuten. Ich hab zwei Kinder fast großgezogen. Und ich steh vor einem Joghurtregal und wünsch mir, dass mir jemand sagt, was ich will.
Nein. Nicht sagt. Abnimmt. Das Denken. Nur für eine Weile.
Ich hab dann Natur genommen. Und Erdbeere. Und mich an der Kasse ein bisschen geschämt.
21:52. Die Spülmaschine ist leer. Die Lunchboxen für morgen stehen offen auf der Arbeitsplatte.
Ich könnte sie jetzt packen. Wie immer. Dann Bad, Zähne, Creme, Handy ans Ladekabel, Wecker checken. Ins Bett. Und wenn er sich umdreht, sag ich wieder, dass ich müde bin.
Oder ich geh rüber ins Wohnzimmer. Stell mich vor den Fernseher. Nehm ihm die Fernbedienung aus der Hand.
Und sag den Satz, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesagt hab. Vielleicht noch nie.
„Ich will heute nichts entscheiden. Mach du.“
Mein Herz klopft. Albern. Es ist mein Mann. Ich kenn jeden Leberfleck auf seinem Rücken.
Aber ich weiß nicht, was er macht, wenn ich das sage.
Und genau das fühlt sich an wie früher.
Ich leg den Deckel auf die erste Lunchbox. Und halte inne.
Lunchboxen packen. Oder rübergehen?
Wenn Du wissen willst, wie sich das anhört: In meinen Whisper Notes übernehme ich für ein paar Minuten. Du musst nur zuhören. → sirstephen.me