Sandra, 49, erzählt von der Nacht, in der aus „Das würde ich niemals tun“ ein Ja wurde.
Ich stand mit ihm im Aufzug und dachte:
Du kannst jetzt noch aussteigen.
Ich kannte seinen Nachnamen nicht.
Ich wusste nicht, ob er verheiratet war.
Ich wusste nicht einmal genau, wie alt er war.
Mein Mann hatte mir eine halbe Stunde vorher geschrieben:
„Viel Spaß noch ❤️“
Und ich stand mit einem fremden Mann in einem Hotelaufzug.
Das Verrückte war:
In diesem Moment hatte ich noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen.
Ich hatte dieses verdammte Kribbeln im Bauch und wusste nicht, wohin mit meinen Händen.
Dabei hatte der Abend völlig normal angefangen.
Ich war beruflich zwei Tage in Hamburg. Abends waren wir mit ungefähr zwölf Leuten essen. Danach sind ein paar von uns noch in die Hotelbar gegangen.
Er saß irgendwann neben mir.
Nicht mal absichtlich.
Zumindest glaube ich das.
Wir haben geredet. Erst über die Veranstaltung. Dann über Reisen. Irgendwann über völlig belangloses Zeug.
Er war kein Typ, bei dem ich beim Reinkommen gedacht hätte: Den will ich.
Überhaupt nicht.
Aber er hatte diese Art, mich anzusehen.
Nicht dauernd.
Gerade deshalb ist es mir aufgefallen.
Irgendwann haben sich unsere Knie berührt.
Ich hätte meines einfach wegziehen können.
Habe ich aber nicht.
Ich weiß noch, dass ich auf mein Glas geschaut habe und dachte:
Sandra. Was machst du da?
Und gleichzeitig wollte ich genau wissen, was passiert, wenn ich mein Knie einfach da lasse.
Also ließ ich es da.
Später waren nur noch vier Leute an der Bar.
Dann drei.
Dann wir beide.
Ich wusste längst, worauf das hinauslaufen konnte.
Ich hätte mir gern eingeredet, dass ich einfach nett bin und noch einen Drink trinke.
War Quatsch.
Ich blieb wegen ihm.
Irgendwann schaute er auf die Uhr.
„Ich gehe jetzt hoch.“
Mehr sagte er erst einmal nicht.
Er stand auf, nahm seine Zimmerkarte und zog seine Jacke an.
Dann sah er mich an.
„Du weißt ja, wo du mich findest.“
Und ging.
Kein „Komm mit“.
Kein Griff nach meiner Hand.
Gar nichts.
Ich saß da.
Allein.
Vor mir ein fast leeres Glas Weißwein.
Mein Handy lag daneben.
Eine Nachricht von meinem Mann.
Ich habe sie geöffnet.
„Viel Spaß noch ❤️“
Ich habe tatsächlich gelächelt.
Dann habe ich das Handy wieder hingelegt.
Ich hätte jetzt einfach aufstehen und in mein eigenes Zimmer gehen können.
Zähne putzen.
Schlafen.
Am nächsten Morgen frühstücken.
Nach Hause fliegen.
Und niemand hätte jemals gewusst, dass dieser Abend auch anders hätte enden können.
Ich saß ungefähr zwei Minuten da.
Dann habe ich meinen Wein ausgetrunken.
Bin aufgestanden.
Und zum Aufzug gegangen.
Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat.
Nicht sexy.
Nicht souverän.
Meine Hände waren kalt.
Mein Herz hat viel zu schnell geschlagen.
Und als die Aufzugtür zuging, dachte ich wieder:
Du kannst immer noch zurück.
Ich bin nicht zurück.
Als er die Tür öffnete, sagte er erst einmal gar nichts.
Ich auch nicht.
Ich stand da mit meiner Handtasche über der Schulter wie eine Frau, die gleich wieder gehen wollte.
Dann fragte er:
„Sicher?“
Ich sagte:
„Ja.“
Und damit war die Entscheidung gefallen.
Um 1:17 Uhr stand ich wieder im Aufzug.
Allein.
Meine Haare sahen scheiße aus.
Ich hatte meine Schuhe in der Hand.
Und jetzt war das schlechte Gewissen da.
Richtig.
Ich dachte an meinen Mann.
An unsere Küche.
An unser Bett.
An sein „Viel Spaß noch“.
Und gleichzeitig musste ich grinsen.
Das ist der Teil, für den ich mich fast noch mehr geschämt habe.
Ich bereute es in diesem Moment nicht.
Ich fühlte mich auch nicht wie eine andere Frau.
Ich war immer noch ich.
Nur hatte ich gerade etwas getan, von dem ich jahrelang überzeugt gewesen war:
So etwas mache ich nicht.
Am nächsten Morgen rief mein Mann an, während ich beim Frühstück saß.
„Na? War’s noch lustig gestern?“
Ich schaute auf meinen Kaffee.
„Ja.“
„Bisschen spät geworden?“
„Ja.“
Mehr fragte er nicht.
Und ich war froh darüber.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich Fremdgehen irgendwie aufregend oder richtig finde.
Ich erzähle sie, weil ich bis zu dieser Nacht ganz genau zu wissen glaubte, was für eine Frau ich bin.
Und dann saß ich zwei Minuten allein an einer Hotelbar.
Stand auf.
Drückte auf den Knopf für den Aufzug.
Und fand heraus, dass es noch eine Seite an mir gab, die ich selbst nicht kannte.
Die Frage, die mir seitdem im Kopf geblieben ist, lautet nicht:
Warum habe ich das getan?
Sondern:
Was hätte ich über mich nie erfahren, wenn ich an diesem Abend einfach in mein eigenes Zimmer gegangen wäre?
Sir Stephen
Nicht jede Fantasie muss Wirklichkeit werden.
Gerade darin liegt etwas, das ich an Fantasien liebe.
Du kannst eine Tür öffnen, ohne am nächsten Morgen erklären zu müssen, warum Du hindurchgegangen bist.
Du kannst den fremden Mann treffen.
Mit ihm im Aufzug stehen.
Hören, wie er Dich fragt:
„Sicher?“
Und Du entscheidest.
In Deinem Kopf.
In Deinem Bett.
Mit geschlossenen Augen.
Du hörst keine Fantasie. Du erlebst sie.