Clara gibt es nicht nur einmal. Der Name ist fiktiv und steht in unseren Geschichten für unterschiedliche Frauen, die anonym mit uns teilen, was sie denken, fühlen, fantasieren und erleben. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden persönliche Details verändert.
Clara hatte Frauen nie auf diese Weise angesehen.
Männer schon.
Das war einfach.
Sie wusste, welcher Mann ihr gefiel. Sie wusste, was sie an einem Körper attraktiv fand. Sie wusste, wann ein Blick etwas mit ihr machte.
Bei Frauen war das anders.
Bis zu diesem Abend.
Sie saß mit ihrer besten Freundin auf einer Terrasse.
Es war warm.
Die beiden hatten eine Flasche Wein geöffnet und redeten über alles Mögliche.
Arbeit.
Urlaub.
Männer.
Ihre Freundin erzählte gerade von einem Mann, den sie seit ein paar Wochen traf.
„Ich glaube, ich mag ihn wirklich“, sagte sie.
Clara musste grinsen.
„Das klingt gefährlich.“
„Sehr.“
Sie lachten.
Dann stand ihre Freundin auf.
„Ich hole noch eine Flasche.“
Clara blieb sitzen.
Sie sah ihr nach.
Ganz beiläufig.
Zumindest war es das am Anfang.
Dann blieb ihr Blick einen Moment länger.
Die nackten Füße auf den warmen Fliesen.
Die Bewegung ihrer Haare.
Die Art, wie sie sich umdrehte und Clara noch etwas zurief.
Und plötzlich war da dieser Gedanke.
Ganz kurz.
Ganz klar.
Wie würde es sich anfühlen, sie zu küssen?
Clara nahm ihr Glas.
Sie trank.
Was war das denn?
Ihre Freundin kam zurück.
„Warum guckst du so?“
„Gar nicht.“
„Doch.“
„Ich habe nur nachgedacht.“
„Über was?“
Clara schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
Später, als sie wieder zu Hause war, dachte sie erneut daran.
Sie lag im Bett und hatte das Licht bereits ausgeschaltet.
Ihr Handy lag auf dem Nachttisch.
Sie hätte schlafen können.
Stattdessen lag sie da und dachte an ihre Freundin.
Nicht an eine Beziehung.
Nicht daran, mit einer Frau zusammen sein zu wollen.
Nur an diesen einen Kuss.
Clara stellte sich vor, wie nah sie ihr kommen würde.
Wie es wäre, wenn ihre Freundin sie plötzlich nicht mehr nur freundschaftlich ansehen würde.
Der Gedanke machte etwas mit ihr.
Und genau das irritierte sie.
Sie öffnete die Augen.
„Ich bin doch hetero.“
Sie sagte es leise in den dunklen Raum.
Als müsste sie sich selbst daran erinnern.

In den nächsten Tagen passierte eigentlich nichts.
Sie traf ihre Freundin wie immer.
Sie telefonierten.
Sie schickten sich Nachrichten.
Sie lachten über dieselben Dinge wie immer.
Aber Clara hatte jetzt etwas bemerkt.
Wenn ihre Freundin ihr näher kam, nahm sie es anders wahr.
Wenn sie sie umarmte, blieb dieses Gefühl einen Augenblick länger.
Wenn ihre Blicke sich trafen, fragte Clara sich manchmal, ob ihre Freundin etwas davon merkte.
Sie sagte nichts.
Warum auch?
Sie wollte ihre Freundschaft nicht verändern.
Und trotzdem hatte sich etwas verändert.
Nicht zwischen ihnen.
In Clara.
Ein paar Wochen später saßen sie wieder zusammen.
Diesmal bei Clara zu Hause.
Ihre Freundin saß auf dem Sofa und zog die Beine unter sich.
„Du bist heute komisch“, sagte sie.
Clara lachte.
„Bin ich nicht.“
„Doch.“
„Warum?“
Ihre Freundin sah sie an.
„Keine Ahnung. Du schaust mich manchmal so an.“
Clara spürte sofort diese Wärme in ihrem Gesicht.
„Wie schaue ich dich denn an?“
Ihre Freundin zuckte mit den Schultern.
„So.“
Sie machte nichts.
Sagte nichts.
Sie sah Clara einfach nur an.
Und plötzlich war da wieder dieser Gedanke.
Der gleiche wie damals auf der Terrasse.
Wie würde es sich anfühlen?
Clara musste wegsehen.
„Ich glaube, ich muss dir etwas sagen.“
Ihre Freundin lächelte.
„Jetzt bin ich gespannt.“
Clara atmete ein.
„Ich habe manchmal eine Fantasie.“
„Welche?“
Clara schwieg.
Dann sagte sie:
„Von dir.“
Das Lächeln ihrer Freundin verschwand nicht.
Es wurde nur ruhiger.
„Okay.“
Clara sah sie an.
„Das ist irgendwie verrückt.“
„Warum?“
„Weil ich immer dachte, dass ich auf Männer stehe.“
Ihre Freundin nahm einen Schluck Wein.
„Vielleicht tust du das ja.“
Clara musste lächeln.
Und plötzlich fühlte sich alles ein bisschen leichter an.
Was sagt eine Fantasie mit einer Frau über Dich aus?
Vielleicht weniger, als Du denkst.
Eine Fantasie muss nicht sofort ein Etikett bekommen.
Du musst Dich nicht entscheiden, ob Du hetero, bi oder irgendetwas anderes bist.
Du darfst eine Frau attraktiv finden.
Du darfst neugierig sein.
Du darfst eine Fantasie haben, ohne daraus sofort eine Entscheidung für Dein echtes Leben zu machen.
Und manchmal ist die interessantere Frage gar nicht:
„Was bin ich?“
Sondern:
„Was genau macht mich daran an?“
Ein Blick.
Nähe.
Weiblichkeit.
Die Vorstellung, von einer Frau begehrt zu werden.
Oder einfach die Überraschung, eine Seite an Dir zu entdecken, von der Du bisher nichts wusstest.
Du musst darauf heute keine Antwort haben.
Du darfst die Fantasie erst einmal für Dich behalten.
Oder ihr Raum geben.
Der erste Schritt muss nicht im echten Leben stattfinden.
Er kann in Deinem Kopf beginnen.
Genau dort setzt Sir Stephen an.
Nicht mit der Frage:
„Was bist Du?“
Sondern mit einer anderen:
„Was möchtest Du erleben?“
Du hörst keine Fantasie.
Du erlebst sie.