Ich wollte eigentlich nur wieder reiten.
Das erste Mal ist er mir aufgefallen, weil er eine Frau angeschrien hat.
Na ja. Angeschrien ist übertrieben.
„Absatz runter, Frau Berger! Der gehört nicht ans Pferdeohr!“
Ich musste lachen.
Er stand mitten in der Reithalle, die Hände hinter dem Rücken. Die Reitstiefel sahen aus, als würde er sie nur zum Schlafen ausziehen.
Ich hatte seit fast acht Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen. Jetzt war ich neunundvierzig und wollte wieder anfangen.
Meine Freundin hatte mir monatelang damit in den Ohren gelegen.
„Du redest ständig davon. Dann mach es doch.“
Also hatte ich mich angemeldet.
Jetzt stand ich am Rand der Halle. Es hat nach Pferden, Leder und feuchtem Sand gerochen. Ich hatte gar nicht gewusst, wie sehr mir das gefehlt hatte.
„Sie sind die Neue?“
Ich habe mich umgedreht. Er stand neben mir.
„Ja. Allerdings nicht ganz neu. Ich bin früher geritten.“
„Wie lange ist das her?“
„Acht Jahre.“
Er hat die Augenbrauen hochgezogen.
„Dann fangen wir erst einmal in Ruhe an.“
Er hat auf eine braune Stute am anderen Ende der Halle gezeigt.
„Das ist Flora. Die ist freundlich. Meistens.“
„Sehr beruhigend.“
Jetzt hat er gelächelt.
Das hat mir gefallen. Mehr, als für die Anmeldung zu einer Reitstunde nötig gewesen wäre.
Alle haben ihn nur den Rittmeister genannt
Er hieß Alexander. Das habe ich erst später erfahren.
Für die anderen war er der Rittmeister. Warum genau, habe ich nicht gefragt. Der Name hat jedenfalls zu ihm gepasst.
Ich habe ihn auf Anfang fünfzig geschätzt. Groß, dunkle Haare mit etwas Grau an den Schläfen. Seine Reithose hatte einen Fleck am Knie. Die Stiefel waren alt, aber gepflegt.
Er hat nicht viel geredet. Aber wenn er etwas gesagt hat, haben die Leute zugehört.
Bei meiner ersten Stunde hatte ich allerdings genug damit zu tun, auf Flora wieder halbwegs ordentlich zu sitzen.
„Schultern zurück.“
Ich habe mich aufgerichtet.
„Und weiteratmen.“
Das hatte ich offenbar kurz vergessen.
„Sie verlangen ganz schön viel auf einmal.“
Er hat zu mir hochgeschaut.
„Das hat man mir schon öfter gesagt.“
Ich musste lachen und habe prompt wieder den Rhythmus verloren.
Als ich später abgestiegen bin, haben mir die Beine gezittert.
„Für den Anfang nicht schlecht.“
„Ein bisschen mehr Begeisterung hatte ich mir schon erhofft.“
„Dann müssen Sie nächste Woche wiederkommen.“
„Das hatte ich sowieso vor.“
Beim Wegfahren habe ich noch einmal in den Rückspiegel geschaut, ob er draußen steht.
Ich wollte eigentlich nur wieder reiten. Das hatte ja lange gehalten.
Meine nächste Stunde war am Donnerstag
Beim Frühstück musste ich plötzlich an Lady Diana und ihren Reitlehrer denken.
Offenbar hat bei mir eine einzige Reitstunde gereicht, um auf solche Vergleiche zu kommen.
Ich saß mit meinem Kaffee am Tisch und musste über mich selbst grinsen.
Dann habe ich auf meinem Handy nach dem nächsten Termin geschaut.
Donnerstag. Noch vier Tage.
Ich habe mich darauf gefreut, wieder zu reiten. Wirklich.
Aber ich habe mich auch gefragt, ob Alexander wieder da sein würde. Was eine ziemlich überflüssige Frage war. Er hat schließlich dort gearbeitet.
Ich hatte schon lange nicht mehr wegen eines Mannes auf einen Donnerstag gewartet.
„Sie putzen seit einer Minute dieselbe Stelle.“
Ich war zwanzig Minuten zu früh.
Der Verkehr war besser gewesen als erwartet. Das habe ich mir zumindest gesagt.
Ich bin zu Flora gegangen und habe die Putzbox geholt.
„Sie sind früh dran.“
Alexander stand in der Tür.
„Ich dachte, ich putze sie schon mal.“
„Gute Idee.“
Er ist näher gekommen und hat einen Hufkratzer aus der Box genommen.
„Den brauchen Sie nachher auch noch.“
Unsere Hände haben sich kurz berührt, als er ihn mir gegeben hat.
Eine ganz normale Berührung. Zwei Menschen, ein Hufkratzer.
Trotzdem habe ich plötzlich sehr genau auf die Bürste in meiner anderen Hand geschaut.
„Alles in Ordnung?“
„Ja. Wieso?“
„Sie putzen seit einer Minute dieselbe Stelle.“
Ich habe auf Floras Schulter geschaut.
Er hatte recht.
„Sie scheint es zu genießen.“
„Das glaube ich auch.“
Er hat gegrinst und ist wieder gegangen.
Ich habe weitergeputzt. Diesmal an einer anderen Stelle.
Er ist mir auch außerhalb des Stalls eingefallen
Es war nichts passiert.
Er hatte mir Unterricht gegeben, einen Hufkratzer gereicht und ein paar trockene Bemerkungen gemacht. Ob er mit mir geflirtet hat, konnte ich nicht sagen.
Ich habe trotzdem an ihn gedacht.
Daran, wie er meinen Namen sagt. Wie ruhig er neben Flora steht, wenn er mir etwas erklärt. An seine Hände an den Zügeln.
Solche Gedanken kamen nicht nur auf dem Weg zur Reitstunde.
Einmal stand ich beim Einkaufen vor einem Regal und habe mich gefragt, ob er wohl verheiratet ist. Dabei wollte ich eigentlich nur Nudeln kaufen.
Ein anderes Mal ist er mir während einer Telefonkonferenz eingefallen. Ich habe vorsichtshalber meine Kamera ausgemacht.
Ich wollte nicht erklären müssen, warum ich bei diesem Tagesordnungspunkt plötzlich so zufrieden aussehe.
„Sie hören mir gar nicht zu.“
In der dritten Woche hat er mich dabei erwischt.
Ich saß auf Flora. Wir hatten angehalten, und er hat mir etwas über die Zügelführung erklärt.
Ich habe seine Stimme gehört. Ich habe auch auf seine Hände geschaut.
Nur nicht aus dem richtigen Grund.
„Sie hören mir gar nicht zu.“
„Doch.“
„Was habe ich gerade gesagt?“
Ich habe den Mund aufgemacht. Dann wieder zugemacht.
Er hat die Arme verschränkt.
„Dachte ich mir.“
Ich habe gemerkt, wie mir das Gesicht warm geworden ist. Ausgerechnet jetzt ist mir natürlich keine vernünftige Antwort eingefallen.
Er hat kurz gelächelt.
„Noch einmal. Und diesmal bleiben Sie bitte bei mir.“
Wenn Du wüsstest, habe ich gedacht.
Ich habe mich bemüht, diesmal wirklich zuzuhören.

Am Freitag hatte ich keine Reitstunde
Ich war zu Hause, hatte geduscht und saß mit einem Glas Wein auf dem Sofa. Im Fernsehen lief ein Krimi.
Ich habe kaum etwas davon mitbekommen.
Stattdessen habe ich wieder an die Reitstunde gedacht. An seine Frage. Und daran, was ich hätte antworten können.
„Nein. Ich denke gerade daran, wie es wäre, Dich zu küssen.“
Ich musste laut lachen.
Das hätte ich ihm nicht gesagt. Jedenfalls nicht mitten im Unterricht, während ich auf Flora sitze.
Aber auf meinem Sofa konnte ich mir das Gespräch noch einmal vorstellen. Diesmal ohne Pferd zwischen uns.
In meinem Kopf war die Stunde vorbei. Ich war noch im Stall, die anderen waren schon gegangen. Er ist hereingekommen und hat gefragt, warum ich noch da bin.
Und ich habe es ihm gesagt.
Einfach so.
Ich habe mir vorgestellt, wie er mich danach anschaut. Nicht mehr wie seine Reitschülerin, die gerade wieder nicht aufgepasst hat.
Er würde wissen wollen, ob ich das ernst meine.
„Ja.“
Mehr würde ich gar nicht sagen müssen.
Ich habe mein Glas auf den Tisch gestellt.
In meiner Vorstellung ist er näher gekommen. Ich bin stehen geblieben. Habe nicht gelacht und nicht schnell noch etwas Witziges gesagt.
Ich wollte wissen, wie er küsst. Ob er dabei genauso ruhig wäre wie auf dem Reitplatz.
Oder ob ich ihn ganz anders kennenlernen würde.
Dann habe ich mir vorgestellt, dass ich nicht darauf warte, bis er den letzten Schritt macht. Dass ich selbst näher komme und ihn küsse.
Im Fernseher hat jemand eine Tür zugeschlagen.
Ich habe zum Bildschirm geschaut und gemerkt, dass ich keine Ahnung mehr hatte, worum es gerade ging.
Also habe ich den Fernseher ausgemacht.
Noch fünf Minuten
Am nächsten Donnerstag war ich wieder zu früh.
Diesmal habe ich mir die Erklärung mit dem Verkehr gespart.
Flora stand in ihrer Box und hat Heu gekaut. Ich habe die Bürsten geholt und angefangen, sie zu putzen.
Dann habe ich Schritte auf dem Gang gehört.
Ich habe sofort zur Tür geschaut. Natürlich habe ich gehofft, dass er es ist.
„Guten Morgen.“
Alexander.
„Guten Morgen.“
Er ist an der Boxentür stehen geblieben.
„Wir haben heute etwas mehr Zeit. Die Stunde nach Ihnen fällt aus.“
„Ach so.“
„Wenn Sie möchten, können wir hinterher noch ein bisschen an Ihrem Sitz arbeiten.“
Ich habe ihn angesehen.
Natürlich meinte er meinen Sitz auf dem Pferd. Was denn sonst?
„Gern.“
Er hat genickt.
„Dann sehen wir uns gleich.“
Ich habe ihm nachgeschaut, als er weitergegangen ist.
Dann habe ich die Stirn kurz gegen Floras Hals gelehnt.
„Du glaubst nicht, was in meinem Kopf los ist.“
Flora hat weitergekaut.
Ich musste lachen.
Noch fünf Minuten bis zur Reitstunde.
Und ich habe mich schon auf die Zeit danach gefreut.
— Eine Geschichte aus dem Bettgeflüster Blog
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