Ich hätte einfach den Vorhang zumachen können.
Hab` ich aber nicht.
Ich war mit meinem Partner im Schlafzimmer. Es war schon dunkel, und im Haus gegenüber war noch in ein paar Wohnungen Licht an.
Die Fenster waren ein gutes Stück entfernt. Ich konnte keine Gesichter erkennen. Ob uns von dort jemand sehen konnte? Keine Ahnung.
Beim Sex beobachtet werden wollte ich eigentlich nicht. Trotzdem habe ich nach draußen geschaut und gedacht: Was, wenn da gerade jemand steht?
Er stand hinter mir und hat seine Hand an meine Hüfte gelegt.
„Was ist?“
„Nichts.“
Ich wollte ihm nicht gleich erzählen, woran ich gerade gedacht habe. Ich wusste selbst noch nicht, was ich davon halten sollte.
Ich habe trotzdem noch einmal hingeschaut
In einem der Fenster hat sich etwas bewegt. Nur kurz. Ich konnte nicht erkennen, wer oder was das war.
Wahrscheinlich ist dort einfach jemand durch seine Wohnung gelaufen. Zum Kühlschrank oder ins Bad.
Ich habe trotzdem gewartet, ob sich noch einmal etwas bewegt.
Und mich gefragt, ob die Person überhaupt zu uns herüberschauen konnte.
Seine Hand war noch an meiner Hüfte. Ich habe sie gespürt und gleichzeitig dieses Fenster angeschaut.
Dann hat er gefragt:
„Soll ich den Vorhang zumachen?“
Ich musste kurz lachen. Genau darüber hatte ich die ganze Zeit nachgedacht.
„Nein.“
Er hat nicht nachgefragt.
Zum Glück. Ich hätte ihm in dem Moment nicht erklären können, warum ich wollte, dass er offen bleibt.
Oder ich hätte es ihm einfach nicht sagen wollen.
Jetzt wusste er zumindest, dass ich es bemerkt
hatte
Bis dahin hätte ich noch so tun können, als wäre mir das Fenster gar nicht aufgefallen.
Nach seiner Frage ging das nicht mehr.
Er hatte angeboten, den Vorhang zuzumachen. Ich hatte Nein gesagt. Und ich habe meine Antwort nicht zurückgenommen.
Ich habe mich gefragt, was er sich dabei denkt. Ob er ahnt, warum ich immer wieder nach draußen schaue.
Er hat nichts dazu gesagt. Ich auch nicht.
Ich hätte behaupten können, dass uns von dort sowieso niemand sehen kann. Aber ich wusste es nicht. Und ganz ehrlich: Wenn ich mir absolut sicher gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich auch nicht ständig hingeschaut.
Mir hat gefallen, dass ich es nicht genau wusste.
Das hätte ich ihm so allerdings nicht gern gesagt. Nicht in dem Moment.
Beim Sex beobachtet werden wollte ich doch gar nicht
Wenn ich dort tatsächlich jemanden erkannt hätte, der uns zusieht, hätte ich den Vorhang wahrscheinlich sofort zugemacht.
Zumindest glaube ich das.
Ich möchte nicht am nächsten Tag erfahren, dass uns ein Nachbar die ganze Zeit beobachtet hat. Bei dem Gedanken fühle ich mich überhaupt nicht wohl.
Aber an diesem Abend hatte ich niemanden erkannt.
Da waren nur die hellen Fenster und diese kurze Bewegung. Den Rest habe ich mir selbst ausgedacht.
Ich wollte nicht, dass jemand zusieht. Ich wollte nur nicht ganz sicher sein, dass niemand zusieht.
So habe ich es mir hinterher erklärt.
Ganz passt es allerdings nicht. Denn ich habe ja noch einmal nachgeschaut. Ich wollte wissen, ob sich dort etwas bewegt. Ob jemand näher ans Fenster kommt.
Und wenn ich wirklich jemanden gesehen hätte?
Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Wahrscheinlich hätte ich mich erschrocken und den Vorhang zugemacht.
Aber ich kann auch nicht behaupten, dass mich die Vorstellung nur erschreckt hat.
Ich habe immer wieder an sein „Soll ich?“ gedacht
Was mich im Nachhinein fast mehr beschäftigt hat als das Fenster, war meine Antwort.
Ich habe nicht lange überlegt. Ich habe Nein gesagt.
Dabei hätte er den Vorhang einfach zugemacht, wenn ich ihn darum gebeten hätte. Ich hätte nichts erklären müssen.
Stattdessen habe ich ihn offen gelassen und immer wieder nach draußen geschaut.
Das hat mich angemacht. Ich kann es nicht anders sagen.
Ich habe seine Hand deutlicher gespürt. Habe auf das Licht im Zimmer geachtet und mich gefragt, was man von drüben wohl erkennen könnte.
Eigentlich wollte ich mich auf ihn konzentrieren. Trotzdem war dieses Fenster die ganze Zeit mit in meinem Kopf.
Ob er gemerkt hat, wie sehr mich das beschäftigt hat, weiß ich nicht.
Ich habe ihn später auch nicht gefragt.
Es war mir schon ein bisschen peinlich, dass mein Nein so schnell gekommen war. Aber ich war auch froh, dass ich nicht Ja gesagt hatte, nur weil das die einfachere Antwort gewesen wäre.
Später war gegenüber das Licht aus
Als wir später im Bett lagen, hat er schon geschlafen. Ich war noch wach.
Irgendwann habe ich wieder zum Fenster geschaut.
Im Haus gegenüber waren inzwischen fast alle Lichter aus. Auch in der Wohnung, in der ich vorher die Bewegung gesehen hatte.
Ich konnte nichts mehr erkennen.
Trotzdem habe ich noch einen Moment hingeschaut.
Dann habe ich die Decke ein Stück höhergezogen und musste über mich selbst lachen.
Ich hatte den ganzen Abend nicht gewusst, ob da überhaupt jemand war. Und jetzt habe ich auf dieses dunkle Fenster geschaut und darauf gewartet, dass noch einmal das Licht angeht.
Ein bisschen enttäuscht war ich schon.
— Sandra