Von anderen Männern fantasieren trotz Beziehung – ich habe lange gedacht, dass das nur passiert, wenn in einer Beziehung etwas fehlt.
Wenn man sich auseinandergelebt hat.
Wenn der Sex langweilig geworden ist.
Oder wenn man eigentlich schon auf der Suche nach jemand anderem ist.
Bei mir trifft nichts davon zu.
Ich liebe meinen Mann.
Wir sind seit vielen Jahren zusammen. Ich mag unser Leben. Ich mag es, morgens neben ihm aufzuwachen. Ich mag sogar Dinge an ihm, über die ich mich gleichzeitig regelmäßig aufrege.
Und trotzdem gibt es Männer in meinem Kopf, die es in meinem Leben gar nicht gibt.
Das klingt bescheuert, wenn ich es so schreibe.
Aber genau so ist es.
Eine flüchtige Begegnung im Café
Manchmal passiert es irgendwo völlig unspektakulär.
Vor ein paar Wochen stand ich in einem Café und wartete auf meinen Kaffee.
Ein Mann stand ein paar Meter weiter. Ende fünfzig vielleicht. Dunkles Hemd. Brille. Nicht einmal unbedingt mein Typ.
Er hat kurz zu mir geschaut.
Ich habe zurückgeschaut.
Das war alles.
Zwei Minuten später hatte ich meinen Kaffee und bin gegangen.
Aber auf dem Weg nach Hause war dieser Mann noch da.
Nicht wirklich.
In meinem Kopf.
Und dort ging die Situation einfach weiter.
Was wäre gewesen, wenn er mich angesprochen hätte?
Wenn wir noch einen zweiten Kaffee zusammen getrunken hätten?
Wenn ich gewusst hätte, dass ich ihn danach nie wiedersehe?
Ich habe mir vorgestellt, wie wir miteinander reden. Wie er mich ansieht. Wie ich merke, dass er mich interessant findet.
Irgendwann war es nicht mehr das Café.
In meinem Kopf waren wir allein.
Ich weiß nicht einmal mehr genau, was ich mir alles vorgestellt habe.
Aber ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat.
Es hat mich angemacht.
Was mich an einem Unbekannten reizt
Nicht dieser konkrete Mann hat mich angemacht.
Sondern die Tatsache, dass ich bei ihm niemand war.
Nicht Ehefrau.
Nicht Mutter.
Nicht die Frau, die daran denkt, dass morgen jemand den Hund zum Tierarzt bringen muss.
Er wusste nichts über mich.
Für ihn wäre ich einfach die Frau gewesen, die gerade vor ihm steht.
Das ist ein seltsames Gefühl, wenn man seit vielen Jahren mit einem Menschen zusammen ist.
Mein Mann kennt mich.
Richtig.
Er weiß, wie ich morgens aussehe. Er weiß, wann ich schlechte Laune habe. Er kennt meine Geschichten, meine Macken, meine Familie und meine Unsicherheiten.
Er weiß meistens schon an meinem Gesicht, wenn irgendetwas ist.
Das liebe ich an unserer Beziehung.
Aber genau das Gegenteil davon kann mich in meiner Fantasie anmachen.
Ein Mann, der nichts über mich weiß.
Der mich noch nie morgens im Bademantel gesehen hat.
Der keine Ahnung hat, wie mein Alltag aussieht.
Der nicht weiß, wie alt ich bin, was ich beruflich mache oder mit wem ich verheiratet bin.
Für ihn bin ich in diesem Moment einfach eine Frau.
Und ich kann selbst entscheiden, welche Frau ich für ihn sein will.
Er kennt mich noch nicht. Genau das macht mich an.
Das Gefühl kenne ich inzwischen.
Und ich glaube, genau deshalb tauchen fremde Männer in meinen Fantasien auf.
Nicht weil ich meinen Mann austauschen möchte.
Ich möchte auch nicht jeden Mann kennenlernen, über den ich schon einmal nachgedacht habe.
Um Gottes willen.
Die meisten würden die Fantasie wahrscheinlich innerhalb von fünf Minuten ruinieren, wenn sie tatsächlich den Mund aufmachen.
Aber in meinem Kopf müssen sie das nicht.
Dort kann ein Blick reichen.
Eine Stimme.
Ein Satz.
Und plötzlich entsteht eine Situation, die ich in meinem wirklichen Leben nicht habe.
Er kennt mich noch nicht.
Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt.
Es geht nicht einmal unbedingt darum, mit einem anderen Mann Sex zu haben.
Es geht um diesen Moment davor.
Wenn noch nichts festgelegt ist.
Wenn er mich ansieht und ich nicht weiß, was er gerade denkt.
Wenn ich noch nicht weiß, was als Nächstes passiert.
Wenn zwischen uns noch keine gemeinsame Geschichte existiert.
Nur dieser eine Moment.
Früher hatte ich danach ein schlechtes Gewissen.
Heute nicht mehr.
Denn zwischen einem Gedanken und einer Entscheidung liegt für mich ein ziemlich großer Unterschied.
Ich kann meinen Mann lieben.
Und trotzdem einen fremden Mann in meinem Kopf mit nach Hause nehmen.
Er muss ja nicht wissen, wo ich wohne.
Sir Stephen
Genau darin liegt etwas Besonderes an einer Fantasie.
Du musst nichts verändern.
Du musst niemanden ansprechen.
Und Du musst am nächsten Morgen niemandem erklären, warum Du etwas getan hast.
Du kannst im Bett liegen, die Augen schließen und einem Mann begegnen, der Dich noch nie gesehen hat.
Er kennt Deinen Namen nicht.
Er kennt Dein Leben nicht.
Er weiß nicht, was Du normalerweise tust und was Du angeblich niemals tun würdest.
Er weiß nur, dass Du gerade vor ihm stehst.
Dann hörst Du seine Stimme.
Und für diesen Moment entscheidest nur Du, was als Nächstes passiert.
Du hörst keine Fantasie. Du erlebst sie.
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Über Clara:
Clara gibt es nicht nur einmal. Der Name ist fiktiv und steht in unseren Geschichten für unterschiedliche Frauen, die anonym mit uns teilen, was sie denken, fühlen, fantasieren und erleben. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden persönliche Details verändert.