Warum fantasiere ich von einem anderen Mann, obwohl ich glücklich bin?
Clara gibt es nicht nur einmal. Der Name ist fiktiv und steht in unseren Geschichten für unterschiedliche Frauen, die anonym mit uns teilen, was sie denken, fühlen, fantasieren und erleben. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden persönliche Details verändert.
Clara war seit zwölf Jahren verheiratet.
Sie liebte ihren Mann.
Nicht auf diese aufgeregte Art, die man am Anfang einer Beziehung kennt.
Es war etwas Ruhigeres geworden.
Vertraut. Warm. Selbstverständlich.
Sie wussten, wie der andere seinen Kaffee trank.
Wer morgens zuerst duschte.
Wer im Urlaub immer zu viel einpackte.
Sie hatten ein gutes Leben.
Und trotzdem gab es seit einiger Zeit diesen anderen Mann.
Nicht in ihrem Leben.
In ihrem Kopf.
Sie hatte ihn nie berührt.
Sie kannte ihn kaum.
Sie sah ihn zweimal in der Woche.
Immer dienstags und donnerstags, kurz nach neun.
Ein paar Minuten im Eingangsbereich.
Ein freundliches „Morgen“.
Ein kurzer Blick.
Mehr war da eigentlich nicht.
Zumindest nicht im echten Leben.
Aber irgendwann bemerkte Clara, dass sie sich auf diese Begegnungen freute.
Nicht auf das Gespräch.
Auf den Moment davor.
Auf dieses kleine Ziehen im Bauch, wenn sie wusste, dass er gleich durch die Tür kommen würde.
Eines Abends lag sie neben ihrem Mann im Bett.
Er schlief bereits.
Clara war müde.
Und trotzdem war sie wach.
Sie dachte an den Mann aus dem Eingangsbereich.
Dann schämte sie sich ein bisschen.
Nicht, weil etwas passiert war.
Sondern weil überhaupt nichts passiert war.
Und trotzdem war dieser Gedanke plötzlich so lebendig.
Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie nicht nur freundlich ansehen würde.
Wenn dieser Blick länger dauern würde.
Wenn sie einmal nicht die Frau wäre, die seit zwölf Jahren verheiratet war.
Nicht die Ehefrau.
Nicht die Mutter.
Nicht diejenige, die alles organisiert.
Sondern einfach nur eine Frau, die jemandem gefällt.
Clara öffnete die Augen.
Ihr Mann schlief neben ihr.
Sie sah ihn an.
Und dachte:
Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Am nächsten Morgen war der Gedanke noch da.
Sie versuchte, ihn wegzuschieben.
Das funktionierte nicht.
Also tat sie etwas, das sie vorher noch nie gemacht hatte.
Sie ließ die Fantasie einfach zu.
Nicht lange.
Nur ein paar Minuten.
Sie stellte sich vor, dass sie diesem Mann zufällig außerhalb des gewohnten Umfelds begegnete.
Keine Termine.
Keine anderen Menschen.
Nur sie beide.
Und plötzlich merkte sie, dass es gar nicht darum ging, wer dieser Mann wirklich war.
Sie wusste ja kaum etwas über ihn.
In ihrer Fantasie war er deshalb auch nicht wirklich dieser Mann.
Er war ein Blick.
Eine Möglichkeit.
Ein Gefühl.
Die Vorstellung, wieder überrascht zu werden.
Wieder begehrt zu werden.
Nicht als Ehefrau.
Sondern als Frau.
Und genau das traf Clara viel stärker als die Fantasie selbst.
Ein paar Tage später stand sie wieder im Eingangsbereich.
Er kam zur Tür herein.
„Morgen.“
„Morgen.“
Diesmal blieb sein Blick einen Augenblick länger.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht auch nicht.
Clara lächelte.
Dann ging sie weiter.
Mehr passierte nicht.
Aber auf dem Weg nach Hause musste sie plötzlich lächeln.
Nicht wegen ihm.
Wegen sich selbst.
Sie hatte etwas entdeckt, das in ihrem Alltag lange keinen Platz mehr gehabt hatte.
Eine Seite von sich, die nicht verschwunden war.
Sie war nur sehr leise geworden.

Was bedeutet es, wenn Du von einem anderen Mann fantasiert?
Eine Fantasie über einen anderen Mann bedeutet nicht automatisch, dass Dir in Deiner Beziehung etwas fehlt.
Und sie bedeutet auch nicht, dass Du Deinen Partner weniger liebst.
Manchmal zeigt eine Fantasie einfach eine Seite von Dir, die im Alltag wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Die Frau, die nicht organisiert.
Nicht funktioniert.
Nicht plant.
Sondern einfach begehrt.
Du musst aus einer Fantasie keine Handlung machen.
Aber Du kannst sie ernst nehmen.
Nicht als Auftrag.
Sondern als Hinweis darauf, was in Dir noch lebendig ist.
Denk mal drüber nach, ob es gar nicht so relevant ist wer der andere Mann ist.
Sondern wer Du bist, wenn Du an ihn denkst.
Und wenn Du diese Seite von Dir wieder spüren möchtest, musst Du dafür nicht sofort etwas im echten Leben verändern.
Der erste Schritt kann viel näher liegen.
In Deiner Vorstellung.
In Deinem Körper.
In einem Moment, in dem Du nichts leisten musst und niemandem etwas erklären musst.
Genau dort beginnt auch Sir Stephen.
Nicht mit der Frage:
*„Willst Du einen anderen Mann?“*
Sondern:
*„Welche Frau möchtest Du wieder spüren?“*
Alles andere kommt dann ganz von selbst.
Du hörst keine Fantasie.
Du erlebst sie.